Umweltbildung "mit Herz und Hand" gewinnt zunehmend an Bedeutung im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und anderen Großschutzgebieten. Mehr als ein Viertel der jährlich 2 Millionen Gäste nutzt das Angebot der 15 Nationalpark-Häuser und -Zentren an der Niedersächsischen Küste und auf den Ostfriesischen Inseln - Ausstellungen, Vorträge, Exkursionen, Bildungsurlaube. Hinzu kommen Bildungs- und Erlebnisangebote der Nationalparkverwaltung, der Nationalpark-Wacht und der Naturschutzverbände, von denen alle Besucher und Einheimischen profitieren können.
Wirklich alle? Haben Sie schon mal mit einem Kinderwagen oder einem Gipsbein versucht, einen Salzwiesenpfad zu erkunden, den Strand zu überqueren oder nur in öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln "durchzukommen", von Hoteltreppen und WCs ganz zu schweigen? Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie es Menschen geht, die dauerhaft auf Gehilfen oder den Rollstuhl angewiesen sind. Weiterhin Menschen, die hör-, seh-, sprach- oder lernbehindert sind, aber ebenso viel Lust und Spaß (und das gleiche Recht!) daran haben, Natur intensiv zu erleben, wie ihre nichtbehinderten Mitmenschen.
Dass Menschen mit einem oder mehreren körperlichen, seelischen oder geistigen Handicaps im Tourismus allgemein und auch beim Naturerlebnis bislang zu wenig wahrgenommen und berücksichtigt werden, ist keine Ignoranz oder böse Absicht. Es ist einfach so schwer vorstellbar, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben, wenn einem selbst alle Sinne und Bewegungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Im Rahmen eines Pilotprojektes, das von der EU, der Niedersächsischen Wattenmeerstiftung und der Umwelt-Lotterie Bingo-Lotto finanziell gefördert und von der Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven unterstützt wurde, hat sich die Lebenshilfe Wittmund e. V. dieses Problems angenommen. Ein Jahr lang untersuchte ein Projektteam - darunter eine Journalistin, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist - entlang der gesamten Wattenmeerküste (von den Niederlanden über Deutschland bis Dänemark), welche Möglichkeiten bzw. welche Grenzen das Naturerlebnis "Küste" für alle zum gegenwärtigen Zeitpunkt existieren. Ergebnis: Tatsächlich gibt es schon eine Menge Möglichkeiten und pfiffige Ideen, nur sind sie regional sehr unterschiedlich verteilt:
- in den Niederlanden können z. B. RollstuhlfahrerInnen mit einem speziellen Kran auf Ausflugskutter gelangen
- an der niedersächsischen Küste gibt es ein "Wattmobil", mit denen Rollstuhlfahrer an Wattwanderungen teilnehmen können
- an der dänischen Küste sind an fast allen Ausgangspunkte für Naturwanderungen rollstuhlgeeignete sanitäre Einrichtungen zu finden.
Ziel ist es nun, all die positiven Angebote und Ideen aufzugreifen und flächendeckend im gesamten Wattenmeer verfügbar zu machen. Hierfür soll ein Folgeprojekt sorgen. Doch bereits durch das Pilotprojekt wurden die Teilnehmer stark für das Thema sensibilisiert - ab jetzt denkt man bei jeder Aktivität zur Informations- und Bildungsarbeit automatisch darüber nach, inwiefern die Belange behinderter Menschen für den - räumlichen wie sinnlichen - Zugang zur Natur und Infrastruktur dabei Berücksichtigung finden.
Ein Nebenaspekt ist, dass optimale Zugangs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten auch nichtbehinderten Menschen mit besonderen Bedürfnissen das Leben erleichtern, z. B. alten Menschen, kleinen Kindern und deren Eltern. Und auch wenn der menschliche Aspekt Kern des Projektes ist und bleibt, kann die Tourismusbranche nicht übersehen, dass sich hier ein bedeutendes Marktsegment öffnet: Die Urlauber, um deren besondere Bedürfnisse es hier geht, machen zusammen mit ihren Begleitpersonen etwa 20% aller Reisenden aus - von einer Minderheit kann wohl kaum die Rede sein.
Die Ergebnisse des Pilotprojektes sind in einer Broschüre zusammengefasst, die Ende 1999 in der Schriftenreihe der Nationalparkverwaltung erschienen ist. Betroffene und Experten aus der Behinderten- und Naturschutzarbeit stellen in verschiedensten Beiträgen das Anforderungsprofil für Urlaubs- und Naturerlebnisräume dar, die allen Menschen gerecht werden. Die Broschüre (mit Spiralheftung für einfache Handhabung) ist gegen eine Schutzgebühr bei der Nationalparkverwaltung zu beziehen (s. Publikationsliste). Wichtig: Diese Broschüre ist kein konkretes Adressen- oder Buchungsverzeichnis! Für die direkte Suche nach Gemeinden und Veranstaltern, Unterkunft, Gastronomie und Campingplätzen nutzen Sie bitte den elektronischen Reiseführer des niedersächsischen Behindertenbeauftragten.