Ein echter Fachmann in Beziehungsfragen ist der Einsiedlerkrebs: Er praktiziert gleichzeitig verschiedene Varianten der Symbiose. Da sein Hinterleib ohne schützenden Panzer ist, versteckt er diesen in einem verlassenen Schneckenhaus. Die verstorbene Schnecke hat zwar keinen Vorteil mehr davon, wohl aber ihr Nachmieter. Zum Schutz vor Feinden nutzt der Einsiedlerkrebs aber noch weitere Tricks aus der Beziehungskiste: Seine Wahlheimat Schneckenhaus ist häufig mit Stachelpolypen bewachsen. Sie geben dem Einsiedlerkrebs durch ihre Nesselkapsel zusätzlichen Schutz. Der festsitzende Polyp hat dafür mit dem Krebstaxi ein nettes Transportmittel hin zu guten Nahrungsgründen. Aber es kommt noch besser: Manchmal pflanzt sich der Einsiedlerkrebs eine oder mehrere Seeanemonen auf das Schneckenhaus. Das sieht nicht nur schön aus, sondern es bringt zusätzlichen Schutz. Denn für seine Feinde ist eine Berührung mit der Seeanemone sehr schmerzhaft. Und die Seeanemone profitiert von dem einen oder anderen Nahrungshappen, der bei einer Einsiedlerkrebsmahlzeit abfällt. Damit nicht genug: Wächst der Krebs, muss er sich eigentlich ein größeres Schneckenhaus suchen. Wären da nicht seine Untermieter: Des ständigen Umziehens leid, können Stachelpolypen und bestimmte Seerosenarten das Kalkgehäuse des Schneckenhauses durch eigene Kalkausscheidungen an der Eingangsöffnung sogar weiter vergrößern und so ihrem Krebs die Umzugssorgen nehmen!
Der Einsiedlerkrebs lehrt uns auch, dass es in einer Symbiose so etwas wie Treue und Dankbarkeit geben kann. Muss der Krebs umziehen, weil ihm seine Wohnung zu klein geworden ist, verpflanzt er die Seeanemonen auf das neue und größere Schneckenhaus. Eine solche Form des Zusammenlebens, bei der die Partner körperlich getrennt bleiben, heißt übrigens Ektosymbiose.
Ein weiteres Beispiel für eine Zweckehe finden wir unter kleinen Hügeln auf der Salzwiese. Hier pflegt, versorgt und schützt die gelbe Wiesenameise in ihrem Bau Wurzelläuse, die sie dann für ihre Ernährung melken kann. Läuft alles gut, brauchen die Ameisen zum Nahrungserwerb ihren Bau gar nicht mehr zu verlassen und können bei ihren Wurzelläusen bleiben.
Zum Schluss wohl die romantischste Form, die Eusymbiose. Hier sind die Partner alleine nicht mehr lebensfähig. Bei den Flechten, wie wir sie auf den Grau- und Braundünen der Ostfriesischen Inseln finden, geht das Zusammenleben so weit, dass sie sogar als eigene Arten gehandelt werden, obwohl sie eigentlich eine perfekte Lebensgemeinschaft aus einem Pilz und einer Alge sind. Mehr Symbiose geht nicht.
Egal für welche Form des Zusammenlebens Sie sich entschieden haben, entdecken Sie allein oder zusammen mit ihrem "Symbionten" die faszinierenden Naturphänomene, die der Nationalpark auch im neuen Jahr wieder zu bieten hat.
(Der Nationalpark für Entdecker Januar 2010)