Es gibt wohl kein anderes Tier, das mit seinen Kothaufen eine ganze Landschaft so positiv bereichert wie der Wattwurm. So dicht an dicht liegen die "Sand-Spagetti", dass man es gar nicht vermeiden kann, hinein zu treten. Im Gegensatz zu den Hundehaufen in Parkanlagen jedoch kein Grund für Ekel und Ärger: Das, was beim Wattwurm hinten rauskommt, ist im wahrsten Sinne des Wortes reiner Sand.
Der Wattwurm verbringt seinen Tag damit, den Wattboden in sich hineinzufressen. Der enthält auch Algen, Bakterien und Überreste abgestorbener Pflanzen und Tiere. Die landen, auf der Reise durch den Körper des Wattwurms, in dessen Verdauungs-apparat – und hinten kommt der so gereinigte Sand wieder heraus. Das Atemwasser nimmt übrigens den umgekehrten Weg.
Schauen wir mal, wo die Saubermänner und -frauen im Watt eigentlich stecken. In unmittelbarer Nähe der Sandkringel entdeckt man beim genauen Hinschauen ein kleines trichterförmiges Loch. Das ist das vordere Ende der senkrechten, U-förmigen Wohnröhre, die der Wurm in den Boden gräbt. Darin sitzt er wie im Schlaraffenland, denn der nährstoffreiche Boden fällt ihm fast von selbst in den Mund, er muss ihn nur noch mit dem Rüssel in sich reinschaufeln. Wenn er ihn mit etwas Druck hinten wie-der hinausschiebt, entstehen, wie bei einer Backpresse, die dekorativen Häufchen.
Da der Wattwurm bis zu 30 Zentimetern tief im Boden sitzt, ist er vor Austrocknung, Wind, Sonne, Salzwasserduschen und prinzipiell auch vor hungrigen Räubern ge-schützt. Mindestens einmal stündlich schiebt er allerdings mit dem Schwanzende den Kot nach oben. Wenn ihn dann Fische oder Vögel zu packen kriegen, kann er sein Schwanzende abschnüren. Der Verlust wurmt ihn nicht besonders - die verblie-benen Segmente wachsen in der Länge nach. Bis zu 30 Mal kann er diesen Trick in seinem Leben anwenden.
Im Sommer stoßen die Wattwurm-Männchen große Mengen Samenzellen in das freie Wasser aus. Mit dem Atemwasser gelangen Spermien in die Wohnröhren der Weibchen und befruchten die Eier, die sie dort abgelegt haben. Die Larven verlassen nach etwa drei Wochen die elterliche Röhre. Bis dahin fastet das Weibchen, um nicht versehentlich den eigenen Nachwuchs zu verdauen.
Ihren ersten Winter verbringen die Larven gern im Schutz von Miesmuschelbänken, im Frühjahr lassen sie sich mit der Flut auf ufernahe Wattflächen treiben. Jetzt im Herbst gesellen sich die nun einen bis sechs Zentimeter langen Würmer zu den ausgewachsenen Tieren. Sie können sich kriechend oder schwimmend fortbewegen. Nach zwei Jahren sind sie geschlechtsreif. Ein Wattwurm wird sechs bis acht Jahre alt, etwa 20 Zentimeter lang und einen Zentimeter dick. Jungtiere sind meist rot-braun, im Alter werden sie schwarz.
Eine geführte Wattwanderung ist die beste Möglichkeit, die fleißigen Würmer persön-lich kennen zu lernen. Die Grabegabel des Wattführers ermöglicht einen Blick in die Wohnröhre und wer sich traut, das harmlose Tier in die Hand zu nehmen, kann die Körpersegmente, die Borstenfüße und andere interessante Details studieren, ehe der Wurm sanft in sein Element entlassen wird.
Spannende Einblicke in das Leben des Wattwurms wünscht Ihnen Ihre Nationalpark-verwaltung
Der Nationalpark für Entdecker (Nr. 41 / 9. Oktober 2006)